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Nano Brothers Echtzeit

22.04.2015
Echtzeit Album Artwork
  1. Inverse Pentagram
Wolf Kampmann über "Echtzeit": Ein Gespräch ist immer dann gut, wenn man vom Hundertsten ins Tausendste kommen kann, ohne bewusst zu merken, wie sich das Große im immer Kleineren abbildet. Vom Makro-Kosmos kommt man in die Mikro-Zone, und von dort dringt man in Nano-Welten vor, jede für sich erneut ein Kosmos. Zeit spielt dabei keine Rolle, denn mit den Sekunden verhält es sich wie mit den Jahren – alles eine Frage der Tiefenerfahrung. Genau so wirkt „Echtzeit“, die erste CD der Nano Brothers. Die Nano Brothers sind ein Duo aus Köln. Jürgen Friedrich spielt Klavier, Johannes Ludwig Saxofon. Beide sind Meister des stillen Dialogs und der intuitiv kalkulierten Detailschärfe. Damit wäre schon fast alles gesagt, denn alles Weitere erschließt sich über das Spiel. Die beiden Musiker treten in ein Gespräch, an dem sie den Hörer teilhaben lassen. Diese Konversation ist so ergebnisfrei und offen wie die Unterhaltung zwischen Mutter und Kind, zwei alten Freunden bei einem Glas Bier oder zweier Zwölfjähriger, die beim Spielen mühelos die Identität ihrer Helden annehmen. Die Musik auf „Echtzeit“ erinnert an die Beschaffenheit eines Farnblattes, das sich dem Auge zuerst in seiner Gesamtform offenbart. Doch sowie man den Zoom auf die Struktur der einzelnen Blatt-Teile richtet, findet man plötzlich tausend neue Miniatur-Farnblätter und immer so weiter. Der Austausch von Jürgen Friedrich und Johannes Ludwig spannt einen großen erzählerischen Bogen, und doch besteht er aus zahllosen melodisch reichhaltigen Mikroelementen, die jedes für sich eine narrative Berechtigung haben. „Hinter dem Logo Nano Brothers steckt die Maxime, dass wir mit winzigen Ideen arbeiten“, erklärt Jürgen Friedrich die Arbeitsweise des Duos. „Wir arbeiten nicht mir Noten, alles bleibt improvisiert, oft kommen uns beim Spielen plötzlich Ideen, mit denen wir einfach spontan weiterspielen wollen. Die Bausteine der Musik sind für sich winzig.“ Die Kräfte, die all das zusammenhalten, sind Wiederholung und Variation. Man findet sich in diese Dialoge ganz schnell hinein. Das System beruht nicht auf der üblichen Call & Response-Formel, die im sogenannten freien Jazz auf die Abfolge von solistischen Anteilen gestreckt wird, sondern jede einzelne Äußerung wird im Zustand des verinnernden Hörens abgegeben. Friedrich und Ludwig umgarnen sich mit filigraner Aufmerksamkeit, die dem Hörer genug Raum lässt, sich mit seinen eigenen Assoziationen in diesen Talk einzugeben. Der Effekt dieser Art der musikalischen Gesprächsführung besteht darin, dass man diese CD endlos oft hören kann und immer wieder zu neuen Ebenen der sinnlichen Wahrnehmung und assoziativen Teilhabe vordringen wird. Wie in jedem echten guten Gespräch, nimmt der Inhalt auch hier schnell eine Eigendynamik an, die von der ursprünglichen Intention weit wegführen kann. Beim Spielen ebenso wie beim Hören. Dieses Prinzip nennt man Freiheit, denn wer sich allen Möglichkeiten öffnet, lässt auch alles zu. Die Nano Brothers arbeiten teilweise mit Code-Wörtern, die sich auch in den Titeln widerspiegeln. Eins dieser Code-Wörter war „Nano-Roboter“. Jürgen Friedrich dazu: „Es gibt ja wirklich Nano-Roboter, die sich für das Auge nicht wahrnehmbar bewegen können. Wir haben uns vorgestellt, dass wir Nano-Roboter sind, die, jeder nach seinem programmierten Code, auf den jeweiligen musikalischen Brocken zugreifen und etwas Sinnvolles daraus machen. Jeder hat seinen eigenen Ansatz und vertraut auf den Ansatz des Anderen. Dieses Bild gab uns unsere Art der Improvisation vor.“ Improvisation ist hier kein Selbstzweck, sondern eine aus dem spontanen Moment geborene Notwendigkeit, die auch Äußerungen zulässt, die überhaupt nicht improvisiert klingen. Friedrich und Ludwig kommen ja auch nicht per se aus der frei improvisierten Musik, sondern öffnen sich vor einem Background von Jazz und Klassik, Melodie und Harmonie immer mehr in Richtung Improvisation. Das macht ihre Musik bei aller Abstraktion so greifbar. „Echtzeit“ ist der perfekte Titel für eine musikalische Reise, deren Abläufe sich in realer Zeit je nach Wahrnehmungswinkel ausdehnen und komprimieren.
Johannes Ludwig Saxophon